Deutsch-französische Philosophie-Kolloquien
NET e.V. hat von 1995-1997 eine deutsch-französische Kolloquienreihe mitbegründet und in praktischer Kooperation unterstützt. 1997 wurde in ideeller Kooperation mit NET e.V. eine Auswahl von Vortragstexten der Kolloquien veröffentlicht.
Zur Geschichte der Kolloquien
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Das Schloss des internationalen Kulturzentrums in Cerisy. Der Besuch eines Kolloquiums in Cerisy hatte Peter Keicher, Thomas Bedorf und Nicolas Gaillard zur Organisation eines ersten deutsch- französischen Kolloquiums angeregt. |
Die Idee zur Gründung einer philosophischen, deutsch-französischen Kolloquienreihe entstand bereits 1993. Die drei Philosophie-Studenten Peter Keicher, Thomas Bedorf und Nicolas Gaillard besuchten damals ein philosophisches Kolloquium des
internationalen Kulturzentrums von Cerisy in der Normandie. Die Kolloquien und Seminare dieses Kulturzentrums finden in einem Schloss statt, dessen früheste Gebäudeteile noch aus dem 17. Jahrhundert stammen. Die etwa 40 bis 50 Teilnehmer des Kolloquiums verbrachten eine Woche gemeinsam auf diesem historischen Anwesen. Im Rahmen dieses Kolloquiums erschlossen sich besonders fruchtbare Formen des fachlichen Austauschs und der Verständigung zwischen einzelnen Disziplinen und Menschen unterschiedlicher Nationalitäten.
Nach dem Besuch des Kolloquiums diskutierten Peter Keicher, Thomas Bedorf und Nicolas Gaillard darüber, ob es für den interkulturellen deutsch-französischen Austausch in der Philosophie nicht fruchtbar wäre, Kolloquien zu organisieren, bei denen insbesondere der wissenschaftliche Nachwuchs und interdisziplinäre Begegnungen stärker berücksichtigt werden sollten. So entstand die Idee, selbst aktiv zu werden, und 1995 ein erstes deutsch-französisches Kolloquium zu organisieren. Das ursprüngliche ideelle Konzept, das im Laufe der Jahre noch praktisch verbessert wurde, war so erfolgreich, dass seit 1995 von wechselnden Organisatoren jedes Jahr aufs neue weitere deutsch-französische Kolloquium durchgeführt wurden.
Net e.V. hat die deutsch-französischen Kolloquien mitbegründet und ihre interdsizplinären Zielsetzungen sowie ihren Beitrag zum philosophischen deutsch-französischen Dialog unterstützt. Seit 1998 wurde die Kolloquienreihe von einem wechselnden, internationalen Verbund von Organisatoren weitergführt. NET e.V. hätte es vorgezogen, wenn einige Kolloquien nach 1997 in Paris stattgefunden hätten, um das Projekt stärker mir dem französischen Diskurs zu verflechten, und wenn die ursprünglichen interdisziplinären und geselllschaftspolitischen Zielsetzungen stärker betont worden wären, doch die organisatorische Struktur der Kolloquienreihe war seit 1997 pragmatisch konsolidiert.
Die Kolloquienreihe hatte mit den aktiven Organistoren in Frankreich und Deutschland, von denen insbesondere Agatha Zielinski, Thomas Bedorf und Georg Bertram zu nennen sind, und mit dem großzügigen Gastgeber des Centre Foa der humanitären französischen Organisation
L'ADAPT eine Heimat gefunden. Bis 2003 fanden alle folgenden Kolloquien im
Centre Jean Foa in Evian-les-Bains statt. Genauere
Informationen zu den Kolloquien sind einer Website der Universität Hildesheim zu entnehmen. Die internationalen und interdisziplinären philosophischen Zielsetzungen der Kolloquien werden von NET e.V. nach wie vor ideell unterstützt.
Die deutsch-französischen Philosophie-Kolloquien
1. Deutsch-Französisches Kolloquium
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Alfred Delp Haus in Berlin, Tiergarten |
Intellektuelle Ausweise für Philosophen? Des passeports intellectuels pour les philosophes?
Berlin
16.-23.07.1995
Das erste deutsch-französische Kolloquium fand im Alfred Delp Haus in Berlin statt. Es ging darum, im deutsch-französischen Austausch den aktuellen Stand des zeitgenössischen philosophischen Diskurses zu bestimmen, und möglichst offen und vorbehaltslos gängige Konventionen und Vor-Urteile von deutscher und französischer Seite zu hinterfragen. Unter den Teilnehmern waren Professoren, Doktoranden und Studenten der Philosophie, Literaturwissenschaftler, freie Übersetzer, Schriftsteller und Künstler. Die Vortragssprachen waren deutsch und französisch. Die Organisatoren waren darum bemüht, möglichst alle Vorträge und Diskussionsbeiträge in die jeweils andere Sprache zu übersetzen. Dabei wurden auch spontan kleine Arbeitsgruppen gebildet, die die fachlichen Verbindungen in bestimmten Interessensgebieten festigten. Die unterschiedlichen Perspektiven und Sprachen der Teilnehmer verbanden sich zu einer fruchtbaren philosophischen Auseinandersetzung. Sehr anregend waren auch die Beiträge einiger freier Schriftsteller und Künstler, und die Veranstaltung setzte sich dadurch wohltuend von manchen universitären Konventionen ab.
Die philosophischen Diskussionen wurden sehr ernsthaft geführt, egal ob der Professor mit dem Studenten diskutierte oder der Philosoph mit dem Schriftsteller, und teilweise kam es auch zu leidenschaftlichen argumentativen Auseinandersetzungen. Nichtsdestoweniger waren die Diskussionen aber von wechselseitigem Respekt geprägt und die Sprachbarrieren erforderten eine spezifische Rücksicht und Disziplinierung, die sich positiv auf die Gesamtatmosphäre auswirkte. Das außergewöhnliche der Veranstaltung bestand nicht zuletzt auch darin, daß sich hier Deutsche, Franzosen und unterschiedliche wissenschaftliche und künstlerische Disziplinen begegneten, ohne dass es dazu einer Institution bedurft hatte, sondern nur dem fachlichen und persönlichen Interesse jedes Einzelnen. Bei Vorträgen über die unterschiedliche traditionelle Rolle der Intellektuellen in Deutschland und Frankreich oder über die Tradition des deutsch-französischen Austauschs seit der Philosophie der Aufklärung mußte man unweigerlich das Gefühl haben, als leiste jeder der Teilnehmer hier und jetzt seinen eigenen Beitrag für die intellektuelle und persönliche deutsch-französische Verständigung.
Organisation: In Kooperation mit NET e.V., Karlsruhe,
Jugendwerk für internationale Zusammenarbeit, Aachen,
Canisius Kolleg, Berlin; Deutschland: Thomas Bedorf (Bochum), Frankreich: Nicolas Gaillard (Paris), Peter Keicher (Paris).
2. Deutsch-Französisches Kolloquium
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Haus der katholischen Mission in Pontigny, bei der Zisterzienser-Abtei |
Das Andere der Philosophie. L’autre de la philosophie
Pontigny
20.-27.07.1996
Dieses Kolloquium fand in Zusammenarbeit mit dem “Centre Culturel Les Fontaines” (Chantilly) auf einem großen Anwesen in der Nähe der berühmten Zisterzienser-Abtei von Pontigny statt. Das Anwesen hat hinsichtlich deutsch-französischer und internationaler Beziehungen eine bedeutende Tradition, die zu Beginn des Jahrhunderts mit den Dekaden von Pontigny durch Paul Desjardins begründet wurde. Das oben erwähnte internationale Kulturzentrum von Cerisy steht in der unmittelbaren Tradition dieser Dekaden. In Pontigny wurden während des zweiten Weltkrieges unabhängige Intellektuelle aus Deutschland und Frankreich Nationen beherbergt. Schon vor dem zweiten Weltkrieg arbeiteten hier häufig französische Schriftsteller oder Philosophen wie zum Beispiel Jean-Paul Sartre. Es war für die deutsch französischen Kolloquien eine besondere Ehre, mit einer Veranstaltung in Pontigny indirekt an eine durch Paul Desjardins begründete Tradition anknüpfen zu können.
Das zweite Kolloquium war ebenfalls der Erörterung des zeitgenössischen philosophischen Diskurses im deutsch-französischen Austausch gewidmet, wobei dieser Diskurs vor allem interdisziplinär und durch seine Beziehung zu unterschiedlichen deutsch-französischen philosophischen Diskursfeldern näher bestimmt werden sollte. Dem Begriff des Anderen in seinem Verhältnis zum Begriff der Indentität kam gegen Ende des ersten Kolloquiums besondere Bedeutung zu, und so war dieses zweite Kolloquium eine Fortsetzung der Gespräche des ersten. Es blieb seither eine Tradition der deutsch-französischen Kolloquien, zum Abschluß gemeinsam jene Fragen zu diskutieren und näher zu bestimmen, die im nächsten Kolloquium diskutiert werden sollten. Das Andere der Philosophie wurde aus unterschiedlichsten Perspektiven bestimmt, über Derridas Kritik an Hegel, durch Annäherungen von Levinas und Adorno, durch eine imaginäre Husserl-Lektüre von Michel de Certeau, durch Verbindungen von Heidegger, Blanchot und Levinas, durch Beiträge aus den amerikanisch geprägten Gender-Studies sowie durch Vergleich zwischen Philosohie und künstlerischen Disziplinen wie zum Beispiel einer musikwissenschaftlichen Erörterung des Begriffs der freien Interpretation auf der Grundlage einer philosophischen Lyotard-Interpretation.
Organisation in Kooperation mit NET e.V., Karlsruhe, und
Jugendwerk für internationale Zusammenarbeit, Aachen, Centre Culturel “Les Fontaines” , Chantilly; Deutschland: Thomas Bedorf (Bochum), Georg W. Bertram (Giessen). Frankreich: Nicolas Gaillard (Paris), Peter Keicher (Paris), Timo Skrandies (Paris).
3. Deutsch-Französisches Kolloquium
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Das Centre Jean Foa am Genfer See |
Das Politische (in) der Philosophie. Le politique de/dans la philosophie
Evian-les-Bains
13.-19.07.1997
Das dritte deutsch-französische Kolloquium fand ebenfalls in Frankreich statt. Wie bei den beiden ersten Kolloquien wurden täglich fünf bis sieben Vorträge gehalten und ungefähr 30 Teilnehmer aus Frankreich und Deutschland diskutierten die Bedeutung des Politischen in der Philosophie und für die Philosophie. Dieses Thema wurde bereits während des zweiten Kolloquiums vom Vorjahr ausgewählt. Die Vorträge setzten sich mit philosophischen Autoren wie Merleau-Ponty, Foucault, Lyotard, Derrida, Levinas, Hegel, Heidegger, Adorno und Habermas auseinander, ein besonders aufschlussreicher und kenntnisreicher Beitrag behandelte in kritischer Weise das Verhältnis von Martin Heidegger und René Char, wobei auch die politische Funktion von Dichtung zur Sprache kam. Die Themen reichten von der politischen Philosophie, Phänomenologie, Ästhetik, Gender Studies bis zu Diskussionen über politische Implikationen des deutschen Idealismus bei Hegel. Es wurden auch einige politikwissenschaftliche Vortröäge gehalten.
Einige der Organisatoren wünschten eine Fortsetzungsveranstaltung der deutsch-französichen Kolloquien in Paris oder in Berlin. Die Entscheidung, das folgende Kolloquium erneut in Evian-les-bains stattfinden zu lassen, hatte eine pragmatische Konsolidierung der Organisation zur Folge. Von nun an fanden alle weiteren Kolloquien im Centre Jean Foa der humanitären Organisation
L'ADAPT in Evian-les-bains statt. Zur Festigung der Kolloquientradition trug auch die Publikation einer Auswahl der Kolloquienbeiträge bei. Diese Beiträge wurden ebenfalls 1997 unter dem Titel
Undarstellbares im Dialog. Facetten einer deutsch-französischen Auseiandersetzung in ideeller Kooperation mit NET e.V. im
Rodopi Verlag Amsterdam/Atlanta veröffentlicht.
Organisation in Kooperation mit NET e.V., Karlsruhe,
Jugendwerk für internationale Zusammenarbeit, Aachen,
L’ADAPT, Evian, Centre Jean Foa; Deutschland: Thomas Bedorf (Bochum), Georg W. Bertram (Giessen). England: Peter Keicher (Cambridge). Frankreich: Timo Skrandies (Paris), Agata Zielinski (Grenoble).
4. Deutsch-Französisches Kolloquium
Die Arbeit der Kritik und die Beharrlichkeit der Krise. Le travail critique et la persistance de la crise
Evian-les-bains
12.-19.07.1998
5. Deutsch-Französisches Kolloquium
Wer spricht? - Das Subjekt und die Sprachen. Qui parle? - Le sujet et les langues
Evian-les-bains
11.-18.07.1999
6. Deutsch-Französisches Kolloquium
Wie Materialität denken? - Körper, Sprache, Ereignis,
Comment penser la materialité? - Corps, langage, événement
Evian-les-bains
9.-16.07.2000
7. Deutsch-Französisches Kolloquium
Intersubjektivität - Rolle und Spielraum eines philosophischen Begriffs. Intersubjectivité - rôle et portée d'une notion philosophique
Evian-les-bains
15.-21.07.2001
8. Deutsch-Französisches Kolloquium
Was bedeutet Praxis (Gebrauch): Konstitution oder Subversion? Que signifie “la pratique” (l’usage): constitution ou subversion?
Evian-les-bains
14.-20.07.2002
9. Deutsch-Französisches Kolloquium
Was ist der Mensch? Qu'est-ce que l'homme?
Evian-les-bains
13.-19.07.2003